Test: Egret One – Der Flüsterflitzer im Langzeittest

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Der Egret One der Helmut Niemeyer GmbH will der perfekte Begleiter im mobilen urbanen Alltag sein. Er ist kaum größer als ein Kickroller, lässt sich sehr kompakt zusammenfalten und düst mit einer Akkuladung locker 23 Kilometer bei 20 km/h durch die City. Wir haben das Egret One einem Langzeittest unterzogen und verraten hier, ob sich die Investition lohnt.

359 Kilometer hat mich der Egret One begleitet und eines war mir jeden einzelnen Kilometer davon sicher: Aufmerksamkeit. Wohl weil man es dem kleinen Egret One nicht zutraut meine stattlichen 90 Kilogramm mühelos durch die Stadt gleiten zu lassen. Reihenweise ließ ich verschwitzte Fahrradfahrer leise surrend hinter mir und musste mich den neugierigen Fragen erstaunter Passanten stellen. Eigentlich hätte mir die Helmut Niemeyer GmbH neben dem Testgerät auch gleich einen Stapel Visitenkarten mitgeben sollen – ich wäre sie alle losgeworden.

Aber erstmal ein paar technische Anaben vom Hersteller: Der 250 Watt Motor beschleunigt das Egret One auf 20 km/h und hält diese Geschwindigkeit 23 Kilometer durch. Der digitale Tacho am Gerät ist jedoch alles andere als zuverlässig zu lesen. Spukt er doch keine digitalen Zahlen aus sondern simuliert statt dessen eine analoge Anzeige. Gefühlt kommt der Egret One jedoch aber locker auf die angegebenen 20 km/h. Der Elektroroller beschleunigt richtig stark und lässt an der Ampel jeden Fahrradfahrer stehen. Deswegen bekommt man auch unweigerlich das Gefühl, dass der Elektroroller eigentlich schneller fahren müsste als läppische 20 km/h. Mein erster Gedanke: „Der Gute muss abgeriegelt sein!“ Dieser Verdacht erhärtet sich durch einen Blick auf die Verpackung des Egret One. Dort preisen große hellblaue Buchstaben drei Versionen des Egret One an. Eine mit einer Maximalgeschwindigkeit von 6 km/h und einer maximalen Reichweite von 28 Kilometer, eine mit 20 km/h und 23 Kilometer Fahrspaß und eine mit 35 km/h und 19 Kilometer Reichweite.

6, 20 oder 35 km/h? Das kleine Geheimnis des Egret One

Tatsächlich handelt es sich bei den drei Versionen um ein und das selbe Gerät. Durch einen relativ einfachen Trick lässt sich der 20-km/h-Roller also entweder auf 6 km/h drosseln (zum Beispiel für Kinder) oder auf 35 km/h aufbohren (zum Beispiel für mich). Sobald ich das herausgefunden hatte fuhr ich nur noch in der maximalen Geschwindigkeitsausführung durch die City. Schließlich will auch keiner ein Auto, welches auf 100 km/h gedrosselt wurde.

Ob das Gerät tatsächlich 35 km/h schafft, kann ich nicht sicher sagen. Aber glaubt mir, es fährt schnell genug und es macht derart Spaß über den Asphalt zu rasen, dass ich mir manchmal kleine Jauchzer unterdrücken musste. Nach ein wenig Übung behält man auch bei Höchstgeschwindigkeit die volle Kontrolle über das Gerät – aber schneller sollte es nicht fahren, der Egret One fährt mit 35 km/h voll am Limit und ich könnte mir vorstellen, dass so früher oder später das ein oder andere Bauteil nachgibt.

Vor allem die Räder leiden bei hohen Geschwindigkeiten spürbar. Das liegt in erster Linie an der sehr geringen Radgröße von 160 mal 48 Millimeter und dem Hartgummireifen. Die Größe ist sicher der sehr hohen Portabilität des Egret One geschuldet, verursacht aber regelmäßig Frustmomente – oder besser gesagt Schüttelmomente – bei jeder dem Asphalt abweichenden Straßenbeschaffenheit.

Geschüttelt, nicht gerührt

Besonders nervig sind hier Hofausfahrten, die – das fiel mir vor den Egret One nie so schmerzhaft auf – fast grundsätzlich aus kleinen Pflastersteinchen bestehen und der Egret-One-Freude regelmäßig einen fiesen Dämpfer verpassen. Ich behalf mir damit den Fußweg genauestens zu beobachten und den ruckelärmsten Weg zu wählen. Bei Ausfahrten balancierte ich hochkonzentriert über die nur wenige Zentimeter breite, dafür aber aalglatte Bordsteinkante.

Auch fies und eindeutig nicht für den Egret One geeignet sind zum Beispiel Feldwege. Hier spürt man die Vibration eines jeden Steinchens die Wirbelsäule hochpoltern bis sie die Augäpfel in ihrer Höhle erzittern lassen. Ergo: Der Egret One sollte nur auf Asphalt genutzt werden. Nicht nur um die eigenen Nerven zu schonen, sondern auch um die Lebensdauer Elektrorollers nicht negativ zu beeinflussen.

Apropos Lebensdauer: Auf der Homepage des Egret One gibt es für fast jedes Teil welches am Roller kaputt gehen kann ein Ersatzteil – meist zu vernünftigen Preisen. Das reicht vom Handgriff (20 Euro) über den Gashebel (40 Euro) und Kabelbaum (15 Euro) bis hin zum 36-Volt-8-Ah-Lithium-Akku (345 Euro), Motor (100 Euro) und Reifen (40 Euro vorne, 36,50 Euro hinten). Wer seinen Egret One über unebenen Belag an seinen Grenzen führt wird schnell Ersatzreifen brauchen.

Kompakte Faltmaße

Der Vorteil der kleinen Reifen sind die sehrt kompakten Ausmaße des Egret One in zusammengeklappter Form. Gerade mal 93 Zentimeter lang, 30 Zentimeter hoch und 14 Zentimeter breit passt der Egret One in fast jede Ecke. Er lässt sich so auch sehr gut tragen. Trotzdem bringt er stolze 15 Kilogramm auf die Waage und ist damit schwerer als ein Standardfahrrad. Wer den Egret One regelmäßig in den 5. Stock tragen muss wird schnell müde Arme bekommen. Optional kann auch eine Tragetasche geordert werden.

Ein eigentlich ziemlich offensichtlicher Nachteil soll nicht verschwiegen werden: Den Egret One kann man keine Minute unbeobachtet auf der Straße lassen, eine Absperreinrichtung existiert genauso wenig wie die Möglichkeit den Elektroroller irgendwo anzuketten. Das heißt er muss bei jedem Einkauf mit in den Laden genommen werden. Ich persönlich hatte mich aber sehr schnell daran gewöhnt den Egret One immer neben mir her zu schieben.

Legalität

Der Egret One bewegt sich in einer legalen Grauzone. Da der Elektroroller erstmal in Bewegung versetzt werden muss, bevor der Motor „anspringt“, gilt er vor dem Gesetz als Hilfsmotor und der ganze Roller fällt dadurch in eine eigene juristische Kategorie. Eine Straßenzulassung hat er nicht, weshalb er nicht auf Fahrradwegen benutzt werden darf. Auf Fußwegen wiederum gilt eine maximal Höchstgeschwindigkeit, die der Egret One locker übertrifft. So richtig legal fährt der Elektroroller nur auf Privat- oder Firmengelände.

Allerdings hatte ich bei meinen 359 Kilometer quer durch München mehrere Begegnungen mit der Polizei. Auch wenn ich neugierige Blicke von ihnen erntete wurde ich kein einziges Mal angehalten. Ich vermute, dass solche Elektroroller (noch) derart selten sind, dass selbst die Polizisten die ganz genaue Gesetzeslage nicht kennen und man schlicht unter dem polizeilichen Radar hinweg rollt. Auf Nachfrage verriet mir der Hersteller Helmut Niemeyer GmbH, dass derzeit mit Hochdruck an einer Straßenzulassung gearbeitet wird. Theoretisch wären dafür eine zweite Bremse sowie eine Beleuchtung nötig.

Fazit

Ich schicke „meinen“ Egret One nur schweren Herzens wieder zurück. Es ist einfach zu cool damit durch die City zu heizen. Obwohl bei dem Gerät nach 359 Kilometer noch alles einwandfrei funktioniert, habe ich dennoch ein wenig Sorge, wie lange die Bauteile den hohen Belastungen Stand halten. Denn unebener Bodenbelag belastet nicht nur den Egret One, sondern schüttelt auch den Fahrer kräftig durch. Trotzdem kann ich den Egret One empfehlen, denn mehr Leistung bei kompakten Maßen für unter 1.000 Euro findet ihr sonst nirgends.

Randnotizen
– Akkudauertest:
20 km/h – 27 Kilometer (Herstellerangabe: 23 Kilometer)
35 km/h – 23 Kilometer (Herstellerangabe: 20 Kilometer)

– Ladedauertest:
knapp 4 Stunden (Herstellerangabe: 4,5 Stunden)

– Sehr gute Rückradtrommelbremse – lässt sich per Schräubchen nachjustieren

– Bei zartem Bremsen wird der Akku geladen
– Laut Hersteller nur 0,40 Euro auf 100 Kilometer
– Für den Egret Two wünsche ich mir Luftreifen!

Spezifikationen laut Hersteller
Höchstgeschwindigkeit: 20 km/h
Reichweite: 23 km
Ladezeit: 4,5 Std.
max. Zuladung: 100 kg
Gesamtgewicht: 15 kg
Motorleistung: 250W
Akku: LiFePo4, 36V 8Ah
Radgröße: 160 x 48 mm
Größe: 970 x 560 x 1170 mm
Größe „gefaltet“: 930 x 140 x 300 mm
Preis: 945 Euro (inkl. Versand)

Pro
– Klappmechanismus
– Sehr schnell bei sehr hoher Reichweite
– Lässt sich sowohl drosseln, als auch aufbohren
– Sehr leise

Con
– Kleine Hartgummireifen – Pflastersteine
– Sehr rutschig bei nassem Laub
– Aktivlüfter im Ladeteil zu laut
– Juristischer Graubereich

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