Das neue Apple-Motto: Es funktioniert nicht einfach

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Einige Leute zahlen bereitwillig für unausgegore Funktionen obskurer Gadgets. Sie sind Early Adopters und wissen ganz genau, dass die Dinge, die sie kaufen, nicht perfekt funktionieren. Fehler und Pannen sind nicht ungewöhnlich, doch das wissen sie und haben dafür die Technik als erstes in Händen. Werden sie künftig bei Apple einkaufen?

Apples Kunden sind keine Early Adopters. iPhones sind der Inbegriff des Massenmarktes. Warum also hat Cupertino mit zwei unausgegorenen und hochgelobten Funktionen begonnen, seine Millionenkundschaft wie der weltweit größte Debugging-Einheit zu behandeln?

Es funktioniert einfach

Apples Mantra heißt “Denke anders” aber wer das Unternehmen viele Jahre lang begleitet hat, der weiß, dass ein nicht minder wichtiges Erfolgsgeheimnis “es funktioniert einfach” ist. Es mag nicht Apples Slogan sein, aber es ist sicherlich der größte Pluspunkt des Unternehmens.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass der Spruch in den meisten Fällen wahr ist. Apples Kritiker haben viele gute Argumente, aber das Unternehmen konnte man nie beschuldigen, unfertige oder übermäßig komplizierte Produkte anzubieten. Kleinkinder können iPads bedienen, noch bevor sie stehen können. Auch eure Omas und Opas kapieren Facetime. Die Leute kaufen Apple auch aus Modegründen, aber auch, weil die Sachen funktionieren.

Das mag nicht wie ein Kompliment klingen, ist es aber. Es ist vielleicht das größte Kompliment, dass man einem Unterhaltungselektronik-Unternehmen machen kann. Genau wie gutes Design unsichtbar ist, sollte die Bedienung funktional sein und intuitiv gelingen. Man sollte nicht ständig Zweifel haben, ob dies oder jenes funktioniert.

Das alles galt für Apple-Produkte. Bis zum vergangenen Jahr. Bis Apple beschloss, seine Kunden zu Beta-Testern zu machen.

Beta Siri, kaputte Karten

Das am stärksten beworbene Feature des iPhone 4S war der persönliche Assistent. Siri dominierte Apples Werbung. Aber ganz ehrlich? Sie war Schrott. Die Spracherkennung konnte Sprache nicht ordentlich erkennen und ihre interpretatorischen Fähigkeiten waren auf dem Niveau eines gelehrigen Labradors.

Der Grund dafür ist einfach. Siri ist ein Beta-Produkt. Das schrieb Apple auch ganz offen auf seiner Homepage. Damit ist es der Definition nach noch nicht fertig. Zum ersten Mal brachte Apple absichtlich ein unfertiges Produkt in den Handel. Wenn Apple normalerweise Betasoftware verteilt, dann hält man die breite Öffentlichkeit davon ab, die Software überhaupt in die Finger zu bekommen. Mac OS X- und iOS-Betas gehören zu dieser Kategorie. Für die meisten Leute, die Apples iPhone kaufen, bedeutet Beta schlichtweg gar nichts.

Siri als einzelne Episode hätte man problemlos abhaken können. Kein Problem. Aber dann passierte Apple das Desaster mit seinen iOS-Karten.

Die Mapsapocalypse wurde gut dokumentiert. Apple hatte Google Maps aus iOS 6 herausgeschmissen und durch seine eigene Kartenanwendung ersetzt. Mittlerweile musste sogar Apple selbst zugeben, dass seine Karten einfach Murks sind (auch wenn sie es nicht so schrieben). Und auch die Kartenanwendung ist ein Betaprodukt. Unvollständig, unausgereift und meiner Meinung nach praktisch ungetestet. Auch in absehbarer Zeit wird das Produkt nicht besser werden.

Also – spinnt Apple? Verspielt das Unternehmen leichtfertig seinen Ruf und missbraucht seine Nutzer als Betatester? Eigentlich ist die Antwort ziemlich einfach. Und vielleicht sogar verständlich.

Die Zeit ist auf Apples Seite

Siri ist nicht perfekt, aber man hat in iOS 6 einige praktische Funktionen aufgenommen, die sich durchaus sehen lassen können: Die Reservierungen oder die Sportergebnisse und Filmbeschreibungen. Leider funktioniert das hierzulande noch nicht alles. Dennoch: Auch die Grundfunktionen von Siri sind etwas verbessert worden und deutlich besser als das, was noch vor einem Jahr da war.

Das Programm versteht besser, was man sagt. Es gibt bessere Suchergebnisse. Das ist auch ganz natürlich – schließlich hat Apple daran gearbeitet. Und nicht nur die. Jedes Mal, wenn man Siri benutzt, entsteht neues Testmaterial für Apple. Erfolg oder Misserfolg werden protokolliert und für Verbesserungen verwendet. Üblicherweise geschieht so etwas während einer Developer-Preview-Phase oder in Zusammenarbeit mit einigen wenigen Betatestern, die Feedback geben und dafür einen Vorgeschmack auf die Software erhalten. Aber damit Siri besser wird, müssen Hunderttausende, ja Millionen von realen Versuchen damit durchgeführt werden.

Hätte Apple wie sonst üblich Siri im Geheimen entwickelt, hätte das nicht geklappt.

Diese Argumentation ist bei den Apple Maps allerdings nur begrenzt stichhaltig. Zwar ist auch die Kartenanwendung eine Datensau, die erst nach Jahren eine ordentliche Qualität erreichen wird, aber hier hat Apple in den Augen der Anwender richtig Mist gebaut. Es gab nämlich vorher schon eine Anwendung, die gut funktionierte und die durch eine schlechtere ersetzt wurde. Bei Siri war das nicht so.

Apple hätte noch ein volles Jahr lang Google Maps verwenden können – so lange lief der Vertrag noch. In dieser Zeit hätte man versuchen können, das eigene Produkt zu perfektionieren. Apple nutzte diese Chance nicht. Zu groß war die Gier nach den Gewinnen durch lokalisierte Werbung und den Nutzerdaten.

Irgendwann wird Apple genügend Daten haben, damit Anwendungen wie Siri und Maps gut dastehen.

Fallout

Das ist also das neue Apple: Ein Unternehmen, dass bereit ist, auf Perfektion zu verzichten und lieber auf langfristigen Gewinn schielt. Und das sind die neuen Apple-Kunden: Early Adopter, Beta-Tester, die wahrscheinlich nicht wissen, was dieser Begriff bedeutet.

Hier ist die gute Nachricht: Wenn es ein Unternehmen gibt, dass die Kosten schultern kann, die für die Weiterentwicklung von Siri und Maps erforderlich sind, dann ist es Apple. Das Unternehmen hat eine Bar-Reserve von 100 Milliarden US-Dollar. Es wirbt aggressiv Google-Maps-Mitarbeiter ab. Und außerdem sind bereits mehr als fünf Millionen iPhone 5 und unzählige iOS-6-Installationen auf älterer Hardware auf den Markt. Sie alle senden Korrekturdaten zurück zum Mutterschiff.

Aber vielleicht endet es hier. Siri und Maps sind hoch spezialisierte Produkte mit besonderen Anforderungen, die nicht in einem isolierten Prüfraum erfüllt werden können. Sie müssen verwendet und breit eingesetzt werden, um korrekt zu funktionieren.

Aber wenn das nun wirklich Apples neue Strategie sein sollte, die Ware beim Kunden reifen zu lassen, dann ist unser Tipp: Kauft die Vorgängerversionen der aktuellen Geräte, aktualisiert nicht auf iOS 6 sondern wartet, bis die Karten zufriedenstellend funktionieren. Das nächste iPhone kommt mit einem neuen Beta-Feature? Lest vorher Testberichte und bestellt es nicht einfach. Das macht man bei Autos und anderen Dingen schließlich auch nicht.

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